Rückgang & Gefährdung

Strandbrüter wie Seeregenpfeifer, Sandregenpfeifer und Zwergseeschwalbe zählen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zu den am stärksten bedrohten Vogelarten. Während seeseitig unter anderem der Meeresspiegelanstieg, Meeresmüll, Umweltgifte sowie z.T. Fischerei auf sie einwirken, werden sie landseitig durch natürlich vorkommende sowie vom Menschen eingeführte Prädatoren, Tourismus, Küstenschutz- und Infrastrukturprojekte bedroht.

 

Meeresspiegelanstieg

Strandbrüter, allen voran die Zwergseeschwalbe, legen ihre Nistplätze oft unmittelbar an der Hochwasserlinie an. Mit dem Klimawandel und dem damit verbundenen Meeresspiegelanstieg, werden diese Bereiche immer häufiger überschwemmt: Zum einen sorgt der Klimawandel für einen kontinuierlichen Meeresspiegelanstieg, zum anderen aber auch zu immer häufiger auftretenden sommerlichen Sturmfluten. Gerade bei Koloniebrütern wie der Zwergseeschwalben haben solche Überflutungen verheerende Folgen, da mit einem einzigen Hochwasserereignis oftmals eine gesamte Kolonie überflutet wird. Ein einziges Hochwasserereignis kann somit auch in geeigneten, langjährigen Brutgebieten zu einem vollständigen Ausbleiben des Bruterfolgs führen.

 

Überprägung & Veränderung der Brutgebiete

Auch Küstenschutz- und Infrastrukturprojekte führen zu einem Verlust von Lebensräumen, beispielsweise indem die typischen, dynamischen Lebensräume und Brutgebiete der Strandbrüter – Dünen, Strandwälle, Sand- und Muschelschillflächen – starren Küstenschutz- und Infrastrukturobjekten zum Opfer fallen.

 

Nutzungsdruck an den Stränden

Durch den zunehmenden Tourismus an Nord- und Ostsee werden ungestörte Brut- und Nahrungsgebiete immer seltener. Fast überall müssen sich Strandbrüter die Strände mit Strandspaziergänger*innen, Badegästen, Wassersportler*innen sowie Hundehalter*innen und ihren Vierbeinern teilen. Dadurch werden Strandbrüter oftmals in die wenigen ausgewiesenen Schutzgebiete an der Küste verdrängt. Doch auch hier wird der menschliche Nutzungsdruck immer größer.

Dabei reagieren die Arten unterschiedlich stark auf Störung. Während Seeregenpfeifer und insbesondere Zwergseeschwalbe störungssensibel sind, können Sandregenpfeifer Störungen bis zu einem gewissen Maß tolerieren. Nicht gefeit sind sie jedoch gegen den Vertritt der Gelege und Küken. Bleibt der Schlupf- bzw. Bruterfolg durch zu starken Vertritt aus, werden Brutgebiete unbrauchbar und die Paare (die Weibchen zuerst) beginnen abzuwandern. Bereits wenige Besucher reichen aus, um Nester zu zertreten, denn Strände werden oft flächig begangen.

Durch den zunehmenden Tourismus an Nord- und Ostsee werden für die Strandbrüter ungestörte Brutplätze immer seltener. © Melanie Theel
Durch den zunehmenden Tourismus an Nord- und Ostsee werden für die Strandbrüter ungestörte Brutplätze immer seltener. © Melanie Theel

Prädation

Als Prädation bezeichnet man die Wechselwirkung zwischen Lebewesen, bei der ein Organismus (der Räuber bzw. Prädator) einen anderen Organismus (die Beute) jagt, tötet und frisst. Zunehmende Prädation der Gelege und Jungvögel durch einheimische und invasive Prädatoren ist eine weitere wichtige Rückgangsursache der Strandbrüter. Mit dem Auslöschen der Tollwut in Deutschland vor 15 Jahren und dem Landnutzungswandel, der zu anderen Landschaftsstrukturen führt, haben die Populationsdichten u.a. des Rotfuchses stark zugenommen. Darüber hinaus führen invasive, nicht einheimische Prädatoren wie Marderhund und Wanderratte zu lokal teils erheblichen Brutverlusten.

Die durch die intensive Strandnutzung verursachten Ballungseffekte in den Schutzgebieten können ebenfalls eine Prädation begünstigen, da Prädatoren diese häufig gezielt zur Nahrungssuche aufsuchen. Auch Störereignisse können Prädation verursachen, wenn Gelege und Küken durch Abwesenheit der Altvögel ungeschützt sind.

  • Eine Rabenkrähe (Corvus corone) prädiert ein Sandregenpfeifergelege.

Internationale Verantwortung

Für Seeregenpfeifer, Sandregenpfeifer und Zwergseeschwalbe besitzt Deutschland eine hohe naturschutzfachliche Verantwortung, die sich aus verschiedenen internationalen Abkommen zum Erhalt der Arten ergibt (u.a. NATURA 2000, HELCOM, OSPAR, trilateraler Breeding Bird Action Plan für das Wattenmeer). Alle drei Arten stehen in Deutschland auf der Roten Liste der Brutvögel (Ryslavy et al. 2020). Zwergseeschwalbe und Seeregenpfeifer werden zusätzlich im Anhang I der EU-Vogelschutzrichtlinie aufgeführt. Sie gelten als besonders schützenswert, weshalb die EU-Mitgliedstaaten spezielle Schutzmaßnahmen ergreifen müssen, insbesondere durch die Ausweisung von Schutzgebieten (Special Protection Areas, SPA) im Rahmen des Natura-2000-Netzwerks.

Zudem brüten fast 5 % der nur 50.000–68.000 Individuen umfassenden südlichen Unterart des Sandregenpfeifers (Charadrius hiaticula hiaticula) in Deutschland (van Roomen et al. 2020). Der Seeregenpfeifer besitzt im Wattenmeer sein nördlichstes Brutgebiet in Europa. Aufgrund des fast vollständigen Verschwindens der Art aus dem niederländischen Wattenmeer sowie aus dem gesamten Ostseeraum besitzt die deutsche Wattenmeerpopulation eine überregionale Bedeutung für den Erhalt der Art im nördlichen Mitteleuropa, deren Bedeutung aufgrund des Klimawandels noch zunehmen dürfte.

Trotz der in den Abkommen erklärten Schutzziele nehmen die Bestände der Arten an den deutschen Küsten ab (Gedeon et al. 2014). An der niedersächsischen Nordseeküste z.B. haben die Bestände des Seeregenpfeifers von mehr als 300 Brutpaaren in den 70er-Jahren auf nur noch etwa eine Handvoll Brutpaare abgenommen (Thorup & Bregnballe 2021). Nur die Population der Zwergseeschwalbe scheint – zumindest über einen langen Zeitraum betrachtet – einigermaßen stabil zu sein (Koffijberg et al. 2020), lokal kann es aber zu starken Bestandsrückgängen kommen.

Es ist also dringend Handlungsbedarf geboten, um die Situation der Strandbrüter in Deutschland zu verbessern und die Populationen langfristig zu erhalten bzw. wieder zu verbessern.

 

 

Quellen

Gedeon, K., Grüneberg, C. & Mitschke, A. 2014. Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring Deutschland und Dachverband Deutscher Avifaunisten, Münster.

Koffijberg, K., Bregnballe, T., Frikke, J., Gnep, B., Hälterlein, B., Hansen, M. B., Körber, P., Reichert, G., Umland, J., van der Meij, T. 2020. Breeding Birds in the Wadden Sea: Trends 1991- 2017 and results of total counts in 2006 and 2012. Wadden Sea Ecosystem No. 40. Common Wadden Sea Secretariat, Joint Monitoring Group of Breeding Birds in the Wadden Sea, Wilhelmshaven, Germany. https://www.waddensea-worldheritage.org/sites/default/files/2020_Ecosystem40_breeding%20birds.pdf

Ryslavy, T., Bauer, H.-G., Gerlach, B., Hüppop, O., Stahmer, J., Südbeck, P. & Sudfeldt, C. 2020. Rote Liste der Brutvögel Deutschlands – 6. Fassung, 30. September 2020. Berichte zum Vogelschutz 57: 13–112. https://www.dda-web.de/voegel/rote-liste-brutvoegel

Thorup, O. & Bregnballe, T. 2021. Changes in distribution and abundance of breeding Kentish Plover Charadrius alexandrinus in Denmark and neighbouring countries. Dansk Ornitologisk Forening 155: 285–300. https://pub.dof.dk/artikler/2483/download/doft-115-2021-285-300-doft-115-2021-bestandsudvikling-hos-hvidbrystet-praestekrave-i-danmark-og-nabolandene

van Roomen, M., Citegetse, G., Crowe, O., Dodman, T., Hagemeijer, W., Meise, K. & Schekkerman, H. 2020. East Atlantic Flyway assessment 2020 – The status of coastal waterbird populations and their sites. https://qsr.waddensea-worldheritage.org/reports/east-atlantic-flyway